Das Kunstwerk des Monats

Oktober 2026 | Aylin Langreuter, Freischwinger, 2019, Aluminium, 58 x 58 x 17 cm

Zwei mit gleicher Basis schwingen gemeinsam, voraus und zurück, und haben ihre flachen Köpfchen in die Luft gestreckt, jedes davon wie das Ende einer Radioantenne, die Antennen verstellbar für einen gerichteten Empfang, um in die Welt zu horchen, von wo sie Schwünge aufnehmen, worauf sie gemeinsam, voraus und zurück, schaukeln, immer zu zweien.


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Oktober 2025 | Rolf-Gunter Dienst, Piccolo 10’10, 2010, Acryl auf Leinwand, 40 x 30 cm

Das ganze Bild ist, auch wenn es einen kompakt harmonischen Eindruck macht, dialektisch angelegt. Es gibt ein klares Oben und Unten, dazu signalhaft gegeneinandergesetzte Zeilen. In die streifigen Zeilen hinein sind wiederkehrende buchstabenartige Schlingen gemalt, so dass sich auch ein Vorn und ein Hinten gegenüberstehen. Selbst das Titelwort Piccolo bildet eine fast perfekte Abfolge von Gegensätzen. Die Vokale wechseln sich nahezu makellos mit den Konsonanten ab. Zugleich verspricht das hübsche Wort eine Freude am Kleinen, die vom damit betitelten Bild erfüllt wird. Das kleinformatige Bild – es gibt eine Reihe aus ähnlich aufgebauten Bildern gleicher Größe – verweist mit seinem malend-schreibenden Duktus auch auf die visuelle Poesie, die Rolf-Gunter Dienst früher in der mit seinem Bruder herausgegebenen Zeitschrift Rhinozeros vorstellte. Wo die Zeichen an der Unlesbarkeit entlang trieben, waren sie, so wie hier, von beherztem Unsinn und leichtfüßiger Vieldeutigkeit.

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September 2025 | Peter Thol, Am See, 2024, Öl auf Leiwand, 190 x 120 cm

€ 14.600,--

Der September bringt sonnige Tage, an denen man trotzdem zu überlegen beginnt, ob man im See noch badet oder nicht. Auch in diesem Bild teilt sich eine Temperatur mit. Das geschieht durch seine farbliche Stimmung. In dem Bild von einem See mit Badehäuschen gibt es zwei blaue Flächen, sie liegen sich etwa gleichgroß gegenüber, sind aber von verschiedenem Blau. Die Aufteilung der farbigen Flächen ist die einer Spiegelung. Man erkennt den großen Rhythmus und wiederkehrende kleinteilige Verzweigungen. Darüber hinaus existiert ein Verhältnis von Himmel und Wasser und Erde. Der gedoppelte Himmel schwebt hoch in der Luft und liegt gespiegelt auf dem Wasser, unter dem es tiefer gehen muss, ohne dass man sieht, wohin. Aber dort, von wo aus man ins Bild blickt, ist kein Ort gemalt, an dem man stehen könnte. Auch diese ungefestigte Position sorgt für einen unruhig kühlen, doch anregenden Schauer.

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August 2025 | Nicola Staeglich, marble canyon#1, 2022, Öl auf Acrylglas, 50 x 50 x 3,4 cm

Waagerechte und Senkrechte aufeinandertreffen zu lassen, ist ein einfaches Prinzip. Es ist außerdem so grundsätzlich, dass der Niederländer Piet Mondrian es zur konstruktiven Regel seiner Bilder machte. Denn er sah diese Struktur als universelles Symbol eines Menschen, der aufrecht auf der ebenen Erde steht. Auch in der Mathematik kann es zuerst noch schlicht zugehen, aber rasch hintersinnig und kompliziert werden. Hannah Cairo, die vor Kurzem mit 17 Jahren ein deutlich älteres mathematisches Problem löste, beschäftigte sich mit überlagernden Schwingungen und beschrieb die Mathematik als kreativen Prozess. Malerei und kreative Mathematik sind sich in diesem Bild erkennbar nah. Es besitzt klare, innerhalb von Regeln schwingenden Strukturen, offene Linien und eine Farbschlucht, die hinterfangen ist von einem regenbogenartigen Glanz.

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Juli 2025 | Christine Gallmetzer, o.T., 2024, Öl auf Leinwand, 40 x 30 cm

€ 4.600,--

Das Motiv, auf welches die Künstlerin in Variationen zurückkommt, vereint Disziplin und Bei-sich-Sein, verbindet Körper und Geist, paart den Mut des Sprungs mit der schönen Form. Um den gebogenen Körper einer Frau krümmen sich die Streifen des Badeanzugs wie die dünnen Rippen einer hübschen, schimmernden Muschel. Der sonnengelbe, fast goldene Hintergrund passt sich dem reduzierten Motiv an. Zugleich führt er von der realistischen Wiedergabe im Vordergrund zur Abstraktion dahinter. Beim Blick auf das Bild möchte man sich bewegen wie diese Frau: mutig, anmutig und im Vertrauen auf die eigene Fähigkeit, am noch unsichtbaren Ort der künftigen Landung glücklich anzukommen.

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Mai 2025 | Tony Bevan, Arm Extended, 1986, Acryl, Pigment, Kohle auf Leinwand, 207 x 228 cm

€ 55.000,-- (2007)

Wer die Romane von Raymond Chandler über seinen Privatdetektiv Marlowe kennt, weiß, dass in einem Raum mit kargem Mobiliar – ein Schreibtisch, ein Telefon – alles Existenzielle seinen Anfang nimmt. Wie der Stoiker Marlowe erträgt auch der Mann im Bild seine Umgebung und sein Dasein. Er tut es in einfacher Kleidung, mit nackten Füßen, in einem Raum, der sich in breiten dunklen Strichen um ihn legt, als gäbe es sonst keine Welt. Das meiste im Bild ist in kräftigem Schwarz und Weiß. Umso deutlicher fleckt das Rot dem Mann auf den Bauch, den empfindsamen Schoß und den linken Oberschenkel. Die Ruhe dieses Menschen kontrastiert zu den beunruhigenden Umständen und zugleich kommt sie genau daher. Mit der bloßen Haut des Arms, den er auf dem Schreibtisch ausstreckt, ist auch sein Inneres offengelegt: die Eintrittsstelle seiner Sucht. Die schwarze Kontur, die hochgesträubten Haare, die sehnigen Hände, die dichten Flecken und Schatten verfremden im Bild eine beobachtete Realität. Sie wird, wie bei Marlowe dem Trinker, zum künstlerisch bearbeiteten Zeichen dafür, etwas auf andere Art nicht zu bewältigen.

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April 2025 | Benedict Haener, costly bialetti, Schmuckanhänger und Objekt, 2025, Aluminium, Kunststoff, Silber, Abdrücke von Schmuckdiamanten

€ 11.000,--

In dieser Kanne von Bialetti wurde schon Espresso gekocht. Und man könnte es wieder tun. Aber ob man das will? Denn zu ihrer erwiesenen Funktionalität kommt eine hintersinnige Korrespondenz zwischen Material- und Kunstwert hinzu. Die schlichte, aber überaus funkelnde Oberfläche der Aluminiumkanne spielt mit der Tradition mittelalterlicher Schatzkunst und ihrer Methode der Verehrung durch Kostbarmachung. Doch muss man sich nicht sorgen, dass etwas von dem Diamantgefunkel herunterfallen könnte. Denn statt wie Damien Hirsts Schädelkunstwerk mit überaus vielen Schmucksteinen besetzt zu sein, ist die Kanne nur mit deren Abdrücken übersät. Was hier glitzert, sind ausschließlich die Negative, welche die fein facettierten Diamanten, die Benedict Haener in die Oberfläche schlug, hinterlassen haben. Auf einen ebenso großen Gegensatz stößt man durch die vergleichende Betrachtung der beiden Werke. Gegenüber Hirsts wertstrotzendem Symbol der Vanitas steht mit dem Kännchen eine illusionistisch ausgeschmückte Vorfreude auf ein köchelnd und fauchend erzeugtes, schwarzflüssiges Lebenselixier. Hinzu kommt noch die Entdeckung der hübschen Form des Deckels. Vieleckig geometrisch besitzt er kleinen klaffenden Schnabel zum Ausschenken des Getränks. Man kann den Deckel abnehmen und als Anhänger mit einem Band auf der Brust tragen.

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