Januar 2026 | Koen Vermeule, UP NORTH, 2020, Öl, Acryl auf Leinwand, 160 x 240 cm
Dieses Bild malte ein niederländischer Künstler von einer Fahrt nach dem Norden. Also steigen wir zu ihm ins Auto. Dort sehen wir, was wir nicht fühlen: draußen ist es kalt. Die draußen gelassene Kälte besteht aus waagerechten Streifen. Der oberste formt den rosa behauchten Himmel. Unter ihm liegen die weißen Streifen der Schneewiesen, die eisblauen der Straßenbegrenzungen und die grauen der Straße. Nur ein paar kahle Winterbäume stehen da als klar umrissene schwarze Senkrechte. Währenddessen fährt man so eilig an der streifigen Landschaft entlang, dass die Bewegung den Raum verwischt. Verweigert man sich dem mitreißenden Seitwärtsgucken und blickt man gelassen von unten nach oben, fällt es leicht, die abwechselnden Farbbänder zwei ungleichen Ebenen zuzuordnen. Die unteren Farben gehören zu den künstlichen Flächen (Straße, Straßenbegrenzung) und die weiter oben zu den natürlichen Flächen (Wiese, Himmel). In der Mitte wechseln sie sich in kurzen, flimmernden Abständen ab, bis die jeweils andere Ebene erreicht ist. Man kann das Bild aber nicht nur seitwärts oder aufwärts, sondern auch von vorn in die Tiefe hinein lesen. Weil die natürliche Landschaft weit in der Tiefe liegt, wird sie von der raschen Fahrt kaum berührt, so dass sie ruhig bestehen bleibt, während unsere Bewegung vorn auf der Straße vorüberzieht.
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Dezember 2024 | Yutaka Minegishi, "Sahnehäubchen“, 2013, Ring, Mammutbein, 5 x 3,5 cm
Wobei der scheinbare, dicke Sahneklecks auch an seine Herkunft erinnert. Denn der Ring sieht aus wie Milch und Milch spendende Brust in einem. Der Dezember wiederum ist der Monat heiliger Festlichkeiten zu Ehren eines Neugeborenen. Die Ernährung des kleinen Jesu, der aus der Brust seiner Mutter Maria trinkt, ist ein herausragendes Motiv der Kunstgeschichte (siehe „Maria lactans“) und trägt dazu bei, die menschliche Seite des Heiligen zu vergegenwärtigen. Der hier vorgestellte Ring besteht aus Mammutbein, also aus etwa 10.000 Jahre altem Elfenbein, das wegen seines Alters und seiner bereits ausgestorbenen Liefertiere nicht unter die Artenschutzkonvention fällt und weiterhin gehandelt werden darf. Zum Schmuckstück gehört ein hübsches Kästchen aus rot bespanntem Holz mit geschrägten Kanten, die es elegant verschließen. Innen ist es mit schwarzem Velours ausgeschlagen. Ein ähnlicher Ring wurde von der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne München angekauft.
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August 2024 | Kim Reuter, ohne Titel (201305), 2013, Eitempera auf Leinwand, 18 x 24 cm
Kleines Bild, große Landschaft, weites Gefühl. Kommt man dem Bild ganz nah, dann ist es, als würde man direkt hineinspazieren und nicht anderes mehr sehen als das Meer, das auf schmalen Wellen einen zarten Hauch von Helligkeit schaukelt. Das streifige Gold der Sonne ist allein dem Himmel vorbehalten. Ganz vorn steht eine Frau, die Füße dort, wo der Sand nass ist, und blickt zu einem weit entfernten Segel. Die Frau und das Segel sind in einer Linie über das Meer hinweg verbunden. Über dasselbe Wasser hinweg, welches das segelnde Schiff davonträgt und vor ihren Füßen über den Strand rinnt.
Juli 2024 | Mirei Takeuchi, ohne Titel, 2016, Halsschmuck, Eisen gelasert, Edelstahl
Mit bloßen Händen ist der Künstler ans Werk gegangen. Ihre konservierte Spur bedeutet: Ich lebe und habe dies geformt. Doch bleibt das Ich nicht mit sich selbst allein. Es hat sich mit der äußeren Welt verbunden, als es sich in sie eingefurcht und eingeknetet hat. Und es hat sich mit uns verbunden, indem es etwas tat, was wir alle tun könnten. Wir müssten nur mit unseren Händen in feuchtem Sand graben oder einen Batzen Lehm kneten. Das Besondere aber ist, das der Künstler dabei eine Form fand, uns etwas Innerliches mitzuteilen. Denn seine Hände haben gegeneinander gearbeitet. Ihre Bewegung strebt in zwei Richtungen. Doch die leicht verdrillte Mitte der kleinen Plastik ist stabil. Sie wird nicht zerrissen. Ebenso wenig wie das Ich, dem die Bewegung der Hände und der sie auslösende Wille zugehören. Im Einfachsten also liegen unverhoffte Botschaften, die uns ins Innere der Dinge führen.
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Mai 2024 | Florian Thomas, Langer Sommer, 2019, Acryl auf Leinwand, 31,2 x 157,4 cm
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