Das Kunstwerk des Monats

April 2026 | Florian Thomas, „tot dimanche matin“, 2026, Acryl auf Leinwand, 95 x 140 cm

Nur ein Mensch ist da. Ein Gelegenheitsgast auf einer Mauer, schon auf dem Sprung. Dabei besteht fast die komplette Umgebung aus Dingen, die von Menschen gemacht sind und von ihnen benutzt werden. Ihre Autos blitzen am Straßenrand wie die Knöpfe an einem zweireihigen Anzug. Ihre ordentlichen Häuser ragen daneben auf, als fein konstruierte Kästen aus Waagerechten und Senkrechten. Selbst der Sonntagmorgen – dimanche matin – ist ein menschengemachter Kasten. Ein Kästchen aus Zeit in den Schubladen der Wochentage, den Schränken der Monate, dem Mobiliar der Jahre. Gefüllt mit Schlummer, erwachendem Flüstern, langsamem Frühstück und launigen Plänen. Man könnte doch über die quergelegten Schatten der Autos wie auf einem langen Zebrastreifen in Richtung der Berge hopsen. Dabei zu einem schwarz-weißen Ich werden und im luftigen Grau das schönste Sonnenlicht erblinzeln. Die heranwehende Melancholie ist zärtlich. Anders als jene, die Edward Hopper auf einem Bild mit ähnlichem Titel in saftenden Farben malte.


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April 2026 | Florian Thomas, „tot dimanche matin“, 2026, Acryl auf Leinwand, 95 x 140 cm

Nur ein Mensch ist da. Ein Gelegenheitsgast auf einer Mauer, schon auf dem Sprung. Dabei besteht fast die komplette Umgebung aus Dingen, die von Menschen gemacht sind und von ihnen benutzt werden. Ihre Autos blitzen am Straßenrand wie die Knöpfe an einem zweireihigen Anzug. Ihre ordentlichen Häuser ragen daneben auf, als fein konstruierte Kästen aus Waagerechten und Senkrechten. Selbst der Sonntagmorgen – dimanche matin – ist ein menschengemachter Kasten. Ein Kästchen aus Zeit in den Schubladen der Wochentage, den Schränken der Monate, dem Mobiliar der Jahre. Gefüllt mit Schlummer, erwachendem Flüstern, langsamem Frühstück und launigen Plänen. Man könnte doch über die quergelegten Schatten der Autos wie auf einem langen Zebrastreifen in Richtung der Berge hopsen. Dabei zu einem schwarz-weißen Ich werden und im luftigen Grau das schönste Sonnenlicht erblinzeln. Die heranwehende Melancholie ist zärtlich. Anders als jene, die Edward Hopper auf einem Bild mit ähnlichem Titel in saftenden Farben malte.

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März 2026 | Wolfgang Koethe, „Der Speer“, 1987, Öl auf Leinwand, 80 x 105 cm

Minimalistisch wie die benutzten Farbtöne ist der hermetische Aktionsraum, der den drei Männern zugestanden wird. Dem jungen Mann vorn sitzt sogar die schwarze Fliege direkt unter dem Kinn, weil er angriffslustig lauernd den Kopf eingezogen hat. So dass sein Blick von schräg unten über die Spitze seines Billardqueues auf ein imaginäres Kampffeld fällt. An sich schon ein aufregendes Spiel wird die Dramatik der Handlung durch den Titel „Speer“ entschieden gesteigert. Der malerische Ansatz ist also auch ein psychologischer. Die alten Herren hinter dem Spieler erscheinen darum wie die manteltragenden Sekundanten in einem anstehenden Duell. Ganz gegensätzlich zur strukturellen Dichte weist die atmosphärische Dichte über das beengte Bild mit drei Männern beim Billard hinaus.

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Februar 2026 | Jan Holthoff, Untitled (1), 2025, Acryl auf Leinwand, 140 x 100 cm

Solange die Leinwand leer ist, bleibt offen, worüber man sich austauschen will und auch, ob der Austausch gelingt. Das ist besonders riskant, wenn man auf erkenn- und darum auf benennbare Dinge verzichtet, so wie hier. Allerdings kommt der Maler ganz umweglos zu dem, was uns alle ausmacht: wir sind Einzelwesen und empfinden subjektiv. Darum ist dieser malerische Ansatz berührend, sogar intim. Sein Bild ohne Titel transzendiert bewusst das subjektive Erleben, während es sich gleichzeitig auf eine visuelle Wahrnehmung verlassen kann, die für uns alle ähnlich funktioniert. Der Maler malte und wir sehen changierende Räume, in denen sich Pinselstriche oder gesprühte Linien prozessual überlagern. Das fertige Bild ist voller Grenzzonen, bei denen nicht klar ist, was wozu gehört oder miteinander verbunden ist. Es zeigt also eine eigene, selbstreferenzielle Realität, die man nicht nur erlebt, sondern deren Entstehung man sogar anhand der Malweise nachvollziehen kann.

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Januar 2026 | Koen Vermeule, UP NORTH, 2020, Öl, Acryl auf Leinwand, 160 x 240 cm

€ 22.000,--

Dieses Bild malte ein niederländischer Künstler von einer Fahrt nach dem Norden. Also steigen wir zu ihm ins Auto. Dort sehen wir, was wir nicht fühlen: draußen ist es kalt. Die draußen gelassene Kälte besteht aus waagerechten Streifen. Der oberste formt den rosa behauchten Himmel. Unter ihm liegen die weißen Streifen der Schneewiesen, die eisblauen der Straßenbegrenzungen und die grauen der Straße. Nur ein paar kahle Winterbäume stehen da als klar umrissene schwarze Senkrechte. Währenddessen fährt man so eilig an der streifigen Landschaft entlang, dass die Bewegung den Raum verwischt. Verweigert man sich dem mitreißenden Seitwärtsgucken und blickt man gelassen von unten nach oben, fällt es leicht, die abwechselnden Farbbänder zwei ungleichen Ebenen zuzuordnen. Die unteren Farben gehören zu den künstlichen Flächen (Straße, Straßenbegrenzung) und die weiter oben zu den natürlichen Flächen (Wiese, Himmel). In der Mitte wechseln sie sich in kurzen, flimmernden Abständen ab, bis die jeweils andere Ebene erreicht ist. Man kann das Bild aber nicht nur seitwärts oder aufwärts, sondern auch von vorn in die Tiefe hinein lesen. Weil die natürliche Landschaft weit in der Tiefe liegt, wird sie von der raschen Fahrt kaum berührt, so dass sie ruhig bestehen bleibt, während unsere Bewegung vorn auf der Straße vorüberzieht.

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Dezember 2025 | Christian Faul, ki-3102-0, 2025, Öl auf Aluminiumschichtplatte auf Holz, 100 x 57 x 8 cm

Die glatte Oberfläche des Bildes zeigt kaum Pinselspuren. Nur untergründig gibt es zarte Hinweise auf die Arbeit, die getan werden musste, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Sie bildet die Basis des schönen, lebendigen Blicks von Menschen auf Fische. Dabei sind beide sich wechselseitig das Fremde: die einen leben in einem Element, in dem Menschen ertrinken und die anderen in der Luft, wo den Fischen den Atem stockt bis sie sterben. So weit voneinander entfernt, begegnen sich Menschen und Tiere im Artifiziellen. Die Schönheit der gemalten Tiere formt einen ruhigen Weg, um zwischen Fremden zu kommunizieren. Dabei gleicht die skulpturale Form des Malgrunds mit ihren abgerundeten Ecken einem Bassin. Die Fische bewegen sich darin nicht tief unten, sondern weit oben. Sie erscheinen seidig matt über dem glänzenden, beinahe weißen Grund. Hier schwimmen sie und sie fliegen sogar, wenn das Bild senkrecht an einer Wand hängt. Ein gelber Fisch führt über die Grenze des Bildes hinweg. Wenn man ihm folgt, dann geht es hinaus ins imaginäre Unendliche.

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November 2025 | Christian Faul, lp-0525-0, 2025, Öl, Aluminiumschichtplatte, 89 x 165 x 4,5 cm

Die Blüten sind das Lockmittel und wir die heranfliegenden Insekten, die beim Naschen merken, welchen geheimnisvollen Nektar sie saugen. Wir sehen ein Bild, aber es hat drei Teile. Die mittlere Bildtafel ist unten kürzer als die beiden anderen. Es gibt also von dem Einen mehr, als zu erwarten wäre, und von dem Anderen weniger. Vor einem wolkig goldfarbenen Grund schweben getupfte Blüten, dazu ihre Stiele und Blätter und ein zarter Überschuss an dünnen weißen Strichen, für deren Anwesenheit sich kein leicht erklärbarer Grund nennen lässt. Außer jenem, dass sie gemeinsam mit den Farbtönen und der feinen Malweise das Bild kostbar wirken lassen. Das wiederum liegt auch daran, dass Form und Motiv des Bildes wie eine Meditation darüber sind, was Dinge kostbar macht, was sie vollständig macht und inwiefern es Lücken gibt, wo gar nichts fehlt.

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