Das Kunstwerk des Monats

Juli 2026 | Per Kirkeby, o.T., 1977, Kreide auf grundiertem Masonit, 122 x 122 cm, gerahmt

Der ausgebildete Geologe Per Kirkeby suchte nach strukturellen Zusammenhängen zwischen Vorgängen in der Natur und Prozessen in der Kunst. Auch wenn man zuerst flitzende farbige Striche, gehämmerte bunte Punkte oder verschlungen fliegende Linien erkennt, beruhen seine abstrakten Werke auf Beobachtungen und dem Wunsch, Naturvorgänge in ästhetischen Formen zu konservieren. In unserem Bild tauchen außerdem Zeilen aus einem Text des dänischen Naturforschers Tycho Brahe auf. Selbst wenn man sie nicht lesen oder nicht verstehen kann, erfüllen sie ein Anliegen des Künstlers, das er schon mit der Wahl seines Malgrundes offenlegt. In seiner Kreidetafel-Serie benutzte er Masonit, eine aus langen Zellulosefasern hergestellte Hartfaserplatte, die er mit schwarzem Schultafellack grundierte. Darauf notierte er mit Kreide sich überlagernde, halbverwischte Gedankengänge, ein vorhandenes, visualisiertes, weitergegebenes Wissen, das er in einem schwebenden Zustand fixiert hat.

 


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Juli 2026 | Per Kirkeby, o.T., 1977, Kreide auf grundiertem Masonit, 122 x 122 cm, gerahmt

Der ausgebildete Geologe Per Kirkeby suchte nach strukturellen Zusammenhängen zwischen Vorgängen in der Natur und Prozessen in der Kunst. Auch wenn man zuerst flitzende farbige Striche, gehämmerte bunte Punkte oder verschlungen fliegende Linien erkennt, beruhen seine abstrakten Werke auf Beobachtungen und dem Wunsch, Naturvorgänge in ästhetischen Formen zu konservieren. In unserem Bild tauchen außerdem Zeilen aus einem Text des dänischen Naturforschers Tycho Brahe auf. Selbst wenn man sie nicht lesen oder nicht verstehen kann, erfüllen sie ein Anliegen des Künstlers, das er schon mit der Wahl seines Malgrundes offenlegt. In seiner Kreidetafel-Serie benutzte er Masonit, eine aus langen Zellulosefasern hergestellte Hartfaserplatte, die er mit schwarzem Schultafellack grundierte. Darauf notierte er mit Kreide sich überlagernde, halbverwischte Gedankengänge, ein vorhandenes, visualisiertes, weitergegebenes Wissen, das er in einem schwebenden Zustand fixiert hat.

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Juni 2026 | Elisabeth Brockmann, No. 252, 2022, Acryl auf Stahlblech, 28,5 x 21 cm

Gesichter sind enorm anziehend. Es reicht – falls man nur sparsam mit malerischer Begabung begütert ist – zwei Punkte und darunter einen Strich zu zeichnen, und alle anderen Menschen erkennen ein Gesicht. Sogar gern und auch dann, wenn Gurken, Radieschen, Salat und andere essbare, sommerfrische Sachen als kluges Arrangement gemalt wurden. Giuseppe Arcimboldo hat es ausprobiert und das hat so gut geklappt, dass selbst nach fünfhundert Jahren ziemlich viele Menschen sehr freudig zu seinen Bildern hingucken. Elisabeth Brockmann melangierte Farben und ganz einfache, grundsätzliche Formen. Aber so, dass eines ihrer gemalten Gesichter an eine mondbeschienene Nacht erinnert, ein zweites strahlt aus blumigen Augen, ein drittes wölbt seine Augenbrauen wie Nordlichter, einem vierten weht die Nase im Gesicht wie Seidenstoff. Bei diesem hier gezeigten Bild ahnt man schon von Weitem eine stürmische Fülle. In der Nähe sieht man Pinselschwünge wie heranbrausende Wolken voller Farbigkeit. Sie sind durchtupft von kleinen Rostflecken, entstanden durch wässrige Farbe auf metallischem Grund. In Gedanken riecht man die ersten Regentropfen auf trockenem Land.

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Mai 2026 | Vladimir Skoda, de l’intérieur, 1986, geschmiedeter Stahl, 10 Elemente, Durchmesser 4 bis 50 cm

In einer gebogenen Linie gelegt, wurden zehn Kugeln nach ihren Größen geordnet. So sind sie aufeinander bezogen. Dennoch bleiben sie Welten für sich. Ihre unregelmäßigen Oberflächen verschlucken das Licht so, dass man die dunkle Masse der Kugeln empfindet, auch ohne sie zu berühren. In ihre geschmiedete Materie wurden formende Hitze und Kraft hineingetrieben. Sie gehorchen der Gravitation wie der menschlichen Kraft, durch die sie sich bewegen lassen. Das Material der Kugeln, massig und hart, sitzt scheinbar zart mit kleiner Fläche auf dem Boden auf. Deshalb werfen diese sphärischen Welten schöne runde Schatten, so dunkel, als hätten sie etwas von ihrer schweren Materie abgelöst und als leichte Substanz auf die Fläche unter sich gestreut.

Diese Arbeit wurde erstmals im Musée d`Art, Paris gezeigt. Eine ähnliche Arbeit stammt aus demselben Jahr und befindet sich heute in der Sammlung des Saudi Arabia Museum of Contemporary Art (SAMoCA) in Riad.

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April 2026 | Florian Thomas, „tot dimanche matin“, 2026, Acryl auf Leinwand, 95 x 140 cm

Nur ein Mensch ist da. Ein Gelegenheitsgast auf einer Mauer, schon auf dem Sprung. Dabei besteht fast die komplette Umgebung aus Dingen, die von Menschen gemacht sind und von ihnen benutzt werden. Ihre Autos blitzen am Straßenrand wie die Knöpfe an einem zweireihigen Anzug. Ihre ordentlichen Häuser ragen daneben auf, als fein konstruierte Kästen aus Waagerechten und Senkrechten. Selbst der Sonntagmorgen – dimanche matin – ist ein menschengemachter Kasten. Ein Kästchen aus Zeit in den Schubladen der Wochentage, den Schränken der Monate, dem Mobiliar der Jahre. Gefüllt mit Schlummer, erwachendem Flüstern, langsamem Frühstück und launigen Plänen. Man könnte doch über die quergelegten Schatten der Autos wie auf einem langen Zebrastreifen in Richtung der Berge hopsen. Dabei zu einem schwarz-weißen Ich werden und im luftigen Grau das schönste Sonnenlicht erblinzeln. Die heranwehende Melancholie ist zärtlich. Anders als jene, die Edward Hopper auf einem Bild mit ähnlichem Titel in saftenden Farben malte.

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März 2026 | Wolfgang Koethe, „Der Speer“, 1987, Öl auf Leinwand, 80 x 105 cm

Minimalistisch wie die benutzten Farbtöne ist der hermetische Aktionsraum, der den drei Männern zugestanden wird. Dem jungen Mann vorn sitzt sogar die schwarze Fliege direkt unter dem Kinn, weil er angriffslustig lauernd den Kopf eingezogen hat. So dass sein Blick von schräg unten über die Spitze seines Billardqueues auf ein imaginäres Kampffeld fällt. An sich schon ein aufregendes Spiel wird die Dramatik der Handlung durch den Titel „Speer“ entschieden gesteigert. Der malerische Ansatz ist also auch ein psychologischer. Die alten Herren hinter dem Spieler erscheinen darum wie die manteltragenden Sekundanten in einem anstehenden Duell. Ganz gegensätzlich zur strukturellen Dichte weist die atmosphärische Dichte über das beengte Bild mit drei Männern beim Billard hinaus.

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Februar 2026 | Jan Holthoff, Untitled (1), 2025, Acryl auf Leinwand, 140 x 100 cm

Solange die Leinwand leer ist, bleibt offen, worüber man sich austauschen will und auch, ob der Austausch gelingt. Das ist besonders riskant, wenn man auf erkenn- und darum auf benennbare Dinge verzichtet, so wie hier. Allerdings kommt der Maler ganz umweglos zu dem, was uns alle ausmacht: wir sind Einzelwesen und empfinden subjektiv. Darum ist dieser malerische Ansatz berührend, sogar intim. Sein Bild ohne Titel transzendiert bewusst das subjektive Erleben, während es sich gleichzeitig auf eine visuelle Wahrnehmung verlassen kann, die für uns alle ähnlich funktioniert. Der Maler malte und wir sehen changierende Räume, in denen sich Pinselstriche oder gesprühte Linien prozessual überlagern. Das fertige Bild ist voller Grenzzonen, bei denen nicht klar ist, was wozu gehört oder miteinander verbunden ist. Es zeigt also eine eigene, selbstreferenzielle Realität, die man nicht nur erlebt, sondern deren Entstehung man sogar anhand der Malweise nachvollziehen kann.

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